{"id":173,"date":"2008-04-18T17:53:07","date_gmt":"2008-04-18T15:53:07","guid":{"rendered":"https:\/\/bdr-hamburg.de\/?page_id=173"},"modified":"2017-04-22T19:59:36","modified_gmt":"2017-04-22T17:59:36","slug":"173-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/bdr-hamburg.de\/?page_id=173","title":{"rendered":"Leseprobe I &#8211; Bartelmann und der Ernst des Lebens"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">Leseprobe I aus dem &#8222;Rechtspfleger Grothjahn&#8220; &#8211; Bartelmann und der Ernst des Lebens:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">Grothjahns Vater hatte in der Vorstadt eine Gastwirtschaft, in der verschiedene Gesangvereine tagten. Mit den Dirigenten dieser Vereine hatte Heinrich Freundschaft geschlossen. Er hatte sie zuweilen vertreten und in den Gesangstunden am Fl\u00fcgel unterst\u00fctzt. Sie hatten ihn in seinem K\u00fcnstlertraum best\u00e4rkt und ihm den Kopf hei\u00df gemacht. Heimlich hatte er sich schon vor bestandenem Examen Prospekte von Konservatorien kommen lassen. Vater Grothjahn blieb fest. Er hatte im gesch\u00e4ftlichen Leben tr\u00fcbe Erfahrungen gemacht und wollte f\u00fcr seinen Sohn eine sichere Existenz haben. Es gab f\u00fcr ihn nichts anderes: Der Junge muss Beamter werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">Der Junge war gehorsam und f\u00fcgte sich, zumal sein Vater sagte: \u0084Wenn du Beamter bist, kannst du deine geliebte Kunst, die zum Broterwerb nicht taugt, nebenbei genug zum Vergn\u00fcgen aus\u00fcben. Die Beamten haben ja so viel Zeit. Das siehst du ja an Bartelmann.\u0093<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">Bartelmann war ein alter Junggeselle und von Beruf Kanzlist beim Amtsgericht. Er war seit langem der getreueste Stammgast der Grothjahn\u0092schen Wirtschaft. Neben dem grauen Kater Paul, der immer in der Ofenecke lag, geh\u00f6rte auch Bartelmann zum lebenden Inventar der Wirtschaft. Jeden Nachmittag zur gewohnten Stunde stelzte mit langen Schritten der Gerichtkanzlist Bartelmann, der am Amt den Spitznamen \u0084Millionenwilli\u0093 f\u00fchrte und hier im Kreise der G\u00e4ste und Wirtsleute \u0084Backmeier\u0093 genannt wurde, durch den h\u00fcbschen Vorgarten in sein Stammlokal, das er nicht vor Schluss der Polizeistunde verlie\u00df. Er sprach stets platt und sagte: \u0084Ick mutt doch sehn, wat de Letzte f\u00f6r\u0092n B\u00fcx anhett.\u0093<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">Er selbst trug zu seinem Kammgarnschwenker eine braungestreifte Hose. Sie war mit einem Leibriemen so hoch geholt, dass die Strippen der Zugstiefel bei jedem seiner Riesenschritte hervortraten. Der Leibriemen hatte seine besondere Bedeutung: Er galt als St\u00fctzpunkt f\u00fcr Gerichtsakten, die Millionenwilli als Hausarbeit mitbrachte und in Ermangelung einer Aktentasche zwischen Hose und Weste schob. Je nach der Menge der Arbeit war sein Aussehen mehr oder weniger imposant. Von Haus aus war er hager und mager. Bartelmann trug zuweilen, namentlich wenn er Au\u00dfendienst hatte, schief aufgesetzt einen Zylinderhut, der ziemlich ruppig aussah. In der Rechten hielt er einen d\u00fcnnen Spazierstock, mit dem er herumfuchtelte und seine drastischen Redensarten unterstrich.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">\u0084Millionenwilli\u0093 war eigentlich eine boshafte Bezeichnung, da Bartelmann am chronischen Dalles litt, der bei seinem geringen Gehalt und seinem gro\u00dfen Durst nicht weiter verwunderlich war. Die fehlenden Millionen suchte er durch Hausarbeit \u0096 Seite zehn Pfennige \u0096 zu erreichen. Die Hausarbeit, die er am Wirthaustische im Eiltempo erledigte, gen\u00fcgte trotz allen Flei\u00dfes aber kaum zur Bestreitung seines Bierkonsums. Er hatte jedoch eine Menge Wohlt\u00e4ter, die gerne f\u00fcr ihn ein Glas Bier ausgaben, wenn er so drollig aus seinem Leben erz\u00e4hlte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">\u0084Backmeier\u0093 hie\u00df er, weil er bei der Immobilienabteilung des Amtsgerichts t\u00e4tig war und dort das Amt hatte, H\u00e4user anzubacken, d.h.: die Zwangsvollstreckungsschilder anzubringen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">Bartelmann hatte seinem Stammwirt verraten, dass das Amtsgericht jetzt \u0084Einj\u00e4hrige\u0093 f\u00fcr die mittlere Beamtenlaufbahn haben wolle. Spornstreichs hatte sich Vater Grothjahn in die Stadt begeben und im Sekretariate des Amtsgerichts R\u00fccksprache genommen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">Als Heinrich Grothjahn, der immer noch gehofft hatte, dass sein Lebensschiff doch den von ihm gew\u00fcnschten Kurs nehmen m\u00f6ge, von seiner Schulentlassungsfeier nach Hause kam, empfingen ihn seine Eltern schon im Garten. Beide strahlten vor Stolz und Freude.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">\u0084&#8220;Junge&#8220;\u0093, sagte Vater Grothjahn, \u0084&#8220;hast du ein Gl\u00fcck, du sollst dich am Montag mit deinen Zeugnissen dem Herrn Oberamtsrichter Dr. Thostedt vorstellen; er kann dich gebrauchen.\u0093&#8220;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">\u0082Ob ich wohl ein brauchbarer Beamter werde mit meinen Idealen?\u0092, dachte Heinrich und ging in sein St\u00fcbchen, eine schr\u00e4ge Dachkammer im ersten Stock. Er stie\u00df das Fenster auf und blickte in die Baumkronen, die das Schieferdach streiften, und hinab in den Nachbargarten. Hier wandelte zwischen den Beeten von Astern und anderen Herbstblumen ein Backfisch von vierzehn Jahren. Der braune Lockenkopf des jungen M\u00e4dchens mit dem h\u00fcbschen Gesicht, aus dem zwei vergn\u00fcgte Augen schalkhaft in die Welt sahen, wandte sich beim Ger\u00e4usch des Fenster\u00f6ffnens nach oben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">\u0084&#8220;Guten Tag, Heinrich!&#8220;\u0093 rief sie fr\u00f6hlich. \u0084Ich gratuliere zum bestandenen Examen.\u0093<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">\u0084&#8220;Danke, Grete!\u0093&#8220;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">\u0084&#8220;Nun geht es wohl bald nach Sondershausen auf das F\u00fcrstliche Konservatorium?\u0093&#8220;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">\u0084&#8220;Nein, Grete&#8220;, das wird nichts. &#8222;Mein alter Schuldiener sagt \u00fcbrigens \u0082Krematorium\u0092 dazu. Ich muss ja auch wohl mein Talent verbrennen und begraben lassen.\u0093&#8220;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">&#8222;\u0084Warum denn?\u0093&#8220;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">\u0084&#8220;Ich soll Beamter werden.&#8220;\u0093<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">&#8222;\u0084Beamter? Wo denn?\u0093&#8220;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">\u0084&#8220;Beim Amtsgericht!\u0093&#8220;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">\u0084&#8220;Beim Amtsgericht, das trifft sich ja gut. Mein Bruder Hans ist gestern dort auch angenommen worden. Ich wollte es dir noch erz\u00e4hlen; er hat gro\u00dfe Lust. Fein, dann werdet ihr ja Kollegen. Das muss ich ihm gleich sagen. Ich muss auch noch Klavier \u00fcben. Auf Wiedersehen, Heinrich! Viel Gl\u00fcck!\u0093&#8220;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">&#8222;\u0084Wiedersehen, Grete!\u0093&#8220;<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Leseprobe I aus dem &#8222;Rechtspfleger Grothjahn&#8220; &#8211; Bartelmann und der Ernst des Lebens: Grothjahns Vater hatte in der Vorstadt eine Gastwirtschaft, in der verschiedene Gesangvereine <a class=\"mh-excerpt-more\" href=\"https:\/\/bdr-hamburg.de\/?page_id=173\" title=\"Leseprobe I &#8211; Bartelmann und der Ernst des Lebens\">[&#8230;]<\/a><\/p>\n<\/div>","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":84,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"_crdt_document":"","cybocfi_hide_featured_image":"","footnotes":""},"class_list":["post-173","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/bdr-hamburg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/173","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/bdr-hamburg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/bdr-hamburg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bdr-hamburg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bdr-hamburg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=173"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/bdr-hamburg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/173\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":177,"href":"https:\/\/bdr-hamburg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/173\/revisions\/177"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bdr-hamburg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/84"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/bdr-hamburg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=173"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}