{"id":170,"date":"2008-04-18T19:47:04","date_gmt":"2008-04-18T17:47:04","guid":{"rendered":"https:\/\/bdr-hamburg.de\/?page_id=170"},"modified":"2017-04-22T19:52:34","modified_gmt":"2017-04-22T17:52:34","slug":"leseprobe-i","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/bdr-hamburg.de\/?page_id=170","title":{"rendered":"Leseprobe II &#8211; Der Referendar"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">Leseprobe II aus dem &#8222;Rechtspfleger Grothjahn&#8220; &#8211; Der Referendar<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">Die Zivilabteilung 15 befand sich in einem entlegenen Winkel des dritten Stockes des Gerichtsgeb\u00e4udes. Das Personal der Gerichtsschreiberei bestand aus sechs Personen, dem Gerichtsschreiber und seinem Vertreter, der die Amtsbezeichnung Gerichtsschreibergeh\u00fclfe f\u00fchrte, einem Gerichtskanzlisten, zwei Angestellten und dem Gerichtsdiener.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">Heinrich Grothjahn wurde von dem B\u00fcroleiter, dem Gerichtsschreiber Leimers, auf das Freundlichste empfangen und dem Personal vorgestellt. Nachmittags, nach Schluss der Sitzung, die Leimers als Protokollf\u00fchrer wahrgenommen hatte, wurde er auch dem Amtsrichter Dr. Eilees vorgestellt. Der Richter war mit der Dekretur besch\u00e4ftigt und fragte Heinrich, kaum aufblickend: &#8222;Haben Sie Ihr Verm\u00f6gensverzeichnis mitgebracht?&#8220;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">Heinrich wusste nicht, was diese Frage zu bedeuten hatte, die er aber getrost verneinen konnte. Unwillig sah der Amtsrichter hoch und Leimers legte sich ins Mittel und bedeutete, dass der junge Mann nicht zwecks Ableistung eines Offenbarungseides vorgef\u00fchrt, sondern zum Zwecke der Vorstellung erschienen sei. Der Richter musste l\u00e4cheln und begr\u00fc\u00dfte Heinrich.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">War es schon auf der Amtsgerichtskasse kurzweilig gewesen, so war das noch in gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe hier der Fall. Die Arbeit war interessant, es gab viel zu h\u00f6ren und zu sehen und au\u00dferdem war Heinrich ja jetzt auch im richtigen Gerichtsbetriebe.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">Leimers war ein kleiner, schneidiger Herr in mittleren Jahren. Er war nur klein, aber ein Gernegro\u00df. Darum trug er auch wohl stets einen Zylinder. Im Gerichtsgeb\u00e4ude liebte er es, in der Amtsrobe, mit wei\u00dfer Krawatte und Barett, umherzugehen. Er kannte aber sein Fach und gab Heinrich die beste Anleitung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">Hervorragend t\u00fcchtig war auch der examinierte Gerichtskanzlist, der lange Karl Hinsch. Auch von ihm konnte Heinrich viel f\u00fcr seinen k\u00fcnftigen Beruf lernen. Sonst empfahl es sich nicht, es in allem Hinsch gleich zu tun. Er hatte eine hervorstechende Eigenschaft: Er konnte ein Pferd tot\u00e4rgern. Es fanden sich auch genug Opfer ein; sein gr\u00f6\u00dftes Opfer sa\u00df hinter ihm, der B\u00fcrogehilfe Piesow.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">Piesow geh\u00f6rte zu der Kategorie von Menschen, die sich nicht wohlf\u00fchlen, wenn sie nicht ge\u00e4rgert werden. Piesow kam auf seine Kosten, denn Hinsch sorgte schon daf\u00fcr, dass er nicht aus dem \u00c4rger herauskam. Und das \u00fcbrige Personal der Gerichtsschreiberei trug nach Kr\u00e4ften dazu bei.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">Schon morgens bei der Begr\u00fc\u00dfung fing es an. &#8222;Morgen, Piesoff&#8220;, sagte Hinsch, worauf Piesow stets erkl\u00e4rte: &#8222;Das W ist stumm.&#8220; Anschlie\u00dfend daran machte Hinsch gew\u00f6hnlich abf\u00e4llige Bemerkungen \u00fcber Piesows \u00c4u\u00dferes, \u00fcber sein Privatleben oder Fehler in der Arbeit und schon war der Krach im Gange.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">Es ging daher in der Gerichtsschreiberei sehr lebhaft zu. An ein ruhiges Arbeiten war in den Vormittagsstunden \u00fcberhaupt nicht zu denken. Das lag aber haupts\u00e4chlich an einem Organisationsfehler. Aus s\u00e4mtlichen Anwaltsb\u00fcros kam in jede Gerichtsschreiberei morgens ein Schreiber oder Bote, um Nachfrage zu halten oder Sachen abzuholen. Die T\u00fcr ging fortw\u00e4hrend auf und zu. Und hatte auf der Kasse das ewige &#8222;Mark&#8220; &#8222;Mark&#8220; &#8222;Mark&#8220;-Sagen gest\u00f6rt, so st\u00f6rte hier das ewige &#8222;Guten Morgen&#8220;-Sagen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">Es kamen auch Leute, die nicht &#8222;Guten Morgen&#8220; sagten, und statt sich dar\u00fcber zu freuen, wurde das von dem Personal noch unangenehm vermerkt. So \u00e4rgerte sich Hinsch unausgesetzt jeden Tag \u00fcber den Referendar Berkholtz, der dem Amtsrichter Dr. Eilees zur Ausbildung \u00fcberwiesen war. Der Referendar hatte das gew\u00f6hnliche Schreibervolk nicht auf Rechnung und sagte nur Leimers \u0084Guten Morgen\u0093, in dessen Zimmer er auch erst nach Passierung der Kanzlei seine Kopfbedeckung abnahm. Es n\u00fctzte nichts, dass das Personal der Kanzlei im Chor \u0084Guten Morgen, Herr Referendar\u0093 sagte. Er blieb bei seinem Verhalten. Und doch wurde er eines Tages eines Besseren belehrt. Als er an diesem denkw\u00fcrdigen Tage am Platze des Gerichtskanzlisten Hinsch stand, um von diesem Akten notieren zu lassen, die er mitnehmen sollte, beeilte Hinsch sich wenig, sondern erledigte mit Seelenruhe die in den Akten noch zu erledigenden Arbeiten, obgleich der Referendar vor Ungeduld hin und her wippte, ohne den Hut vom Kopf zu nehmen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">Hinsch drehte sich nach Piesow um und fragte: &#8222;Piesoff?&#8220; &#8211; &#8222;Das W ist stumm&#8220;, schaltete Piesow ein -, &#8222;war es hier nicht immer Mode, dass die Leute, die sich in diesem Zimmer aufhalten, den Hut abnehmen?&#8220;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">Diese \u00c4u\u00dferung h\u00f6ren und wutentbrannt Beschwerde f\u00fchrend in das Nebenzimmer st\u00fcrzen, war f\u00fcr den Referendar die Sache eines Augenblicks.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">&#8222;Was ist der Herr und wie hei\u00dft der Herr?&#8220; schrie er erregt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">&#8222;Ich bin Gerichtskanzlist und Hinsch hei\u00df ich.&#8220;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">Vor dem vorletzten Wort schaltete Hinsch &#8211; wie er sonst zu tun pflegte &#8211; keinen Gedankenstrich ein, um seine Antwort wirkungsvoller zu gestalten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">Es entwickelte sich eine lange Auseinandersetzung im Gerichtsschreiberzimmer. Leimers stand seinem Kanzleipersonal bei und betonte, dass auch er die Nichtachtung beobachtet h\u00e4tte, die der Referendar zur Schau getragen h\u00e4tte. Der Streit wurde beigelegt. Der Referendar sagte kleinlaut, er wolle in Zukunft auch immer &#8222;Guten Morgen&#8220; und &#8222;Adieu&#8220; sagen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt; font-family: verdana,geneva,sans-serif;\">&#8222;Dann k\u00f6nnen wir gleich anfangen, Herr Referendar, adieu, Herr Referendar.&#8220;<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Leseprobe II aus dem &#8222;Rechtspfleger Grothjahn&#8220; &#8211; Der Referendar Die Zivilabteilung 15 befand sich in einem entlegenen Winkel des dritten Stockes des Gerichtsgeb\u00e4udes. 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